Tarnnetze für die Ukraine
Vor über drei Jahren, am 24. Februar 2022, begann die Invasion russischer Truppen in die Ukraine. Am letzten Samstag erinnerten ukrainische Frauen mit einem Stand in Laufen an dieses Ereignis.

Die aktuellen Gespräche zwischen Putin und Trump zeichnen keine rosige Zukunft für die Ukraine auf. Über das politische Geschehen und den Kriegsverlauf — der Kriegsbeginn jährte sich am 24. Februar zum dritten Mal — ist viel in den Medien zu lesen. Doch wie geht es der ukrainischen Bevölkerung und den Geflüchteten in der Schweiz?
Svitlana Hontareva, Journalistin und Lehrerin, kam am 2. Mai 2022 in die Schweiz und lebt seither mit ihrer Familie in Laufen. Sie erinnert sich: «Der Beginn des Krieges war eine schreckliche Zeit, bestehend aus Angst, Verzweiflung und Schlafmangel. Man begriff nicht, dass es einen selbst und das eigene Land getroffen hatte. Man wusste nicht, was man tun sollte. Zu Kriegsbeginn war ich im sechsten Monat mit meinem fünften Kind schwanger. In den ersten zwei Wochen zogen wir von der Stadt ins Dorf zu unseren Freunden. Sie flohen bei Kriegsbeginn ins Ausland und erlaubten uns, in ihrem Haus zu wohnen. Dort hörten wir zwar keine Sirenen, aber wir konnten nicht in Ruhe leben. Während der ganzen Nacht flogen Flugzeuge über uns hinweg.» In der Schweiz angekommen, kam ihr fünftes Kind zur Welt, während dessen ihre damals 17-jährige Tochter nach drei Wochen wieder zurück nach Kiew zog und seither dort lebt. «Wir können keinen Tag in Ruhe leben, wenn wir nicht eine Nachricht von ihr und unseren Verwandten und Freunden, die in der Ukraine geblieben sind, erhalten», sagt die 43-Jährige.
Borschtsch und Frischkäse
Auch Helene Rylska, die Englisch spricht und sich deshalb als Übersetzerin zum Gespräch hinzugesetzt hat, floh vor drei Jahren aus der Ukraine und lebt heute in Muttenz. Die beiden Frauen haben sich im Deutschkurs kennen gelernt — die Verständigung auf Deutsch bereitet beiden noch Mühe. Sie treffen sich regelmässig, um sich zusammen mit weiteren Ukrainerinnen für ihr Land zu engagieren. Verschiedene Gruppierungen organisieren seit drei Jahren ukrainische Messen, sammeln und verschicken warme Kleidung, Kerzen, Hygieneartikel und andere notwendige Dinge. Jeden Samstag bringen Ukrainerinnen selbst hergestellte ukrainische Spezialitäten an einen Stand auf dem Dorfplatz in Muttenz. «Wir haben die Bewilligung, einen Stand aufzustellen, aber nicht für den Verkauf. So geben wir die Produkte gratis ab und alle können so viel spenden, wie sie wollen», erzählt Helene Rylska. Auch in Laufen wurde am letzten Samstag zum dritten Mal ein Stand von Ukrainerinnen betrieben. Svitlana Hontareva bot Borschtsch, einen Eintopf aus Randen, und selbst gemachten Frischkäse an.
Leben schützen
Die Spenden setzen die Frauen unter anderem zum Herstellen von Tarnnetzen ein. Produziert werden diese von Freiwilligen an verschiedenen Orten in der Region, zum Beispiel in Muttenz. Dort wurde ein Container gemietet und Spannrahmen von jeweils acht auf drei Meter aufgehängt. «Wir kaufen Netze, die eigentlich als Katzennetze für Balkone gedacht sind, und verweben diese mit Stoffstücken in den Farben Grün, Grau, Braun, Schwarz, nach Bedarf im Winter auch mit weissem Stoff», erzählt Helene Rylska.
«Anfangs zerschnitten wir Altkleider, inzwischen beziehen wir speziellen, unbrennbaren Stoff in der klassischen Camouflage-Tarnfarbe aus der Ukraine.» Das Herstellen ist einerseits günstiger, als die Tarnnetze zu kaufen. Andererseits ist die Qualität besser. Die Tarnnetze schützen in der Ukraine Leben und Infrastruktur vor den russischen Angriffen. «Diese Arbeit ist sehr wichtig für uns, sie gibt uns Energie. Wir wissen, wir können damit Menschenleben schützen», erzählen die beiden Frauen. Mit ihrem Einsatz versuchen sie, die Belastung und das Unfassbare auszuhalten, Hilfe zu leisten und aus der Ferne dazu beizutragen, dass die Ukraine sich verteidigen und als eigenständiger Staat fortbestehen kann. «Wir helfen, und das macht es uns leichter, in diesen Tagen zu leben.»
Solidarität
Kraft erhalten sie auch durch die Solidarität der Schweizer Bevölkerung. «Unsere Nachbarn sind wunderbare Menschen. Als wir in der Schweiz ankamen, haben sie ein Haus für uns vorbereitet, mit allem, was wir brauchten. Man konnte die Fürsorge in jedem Detail spüren. Es war unglaublich. Auch jetzt erlebe ich immer wieder viel Solidarität. Kürzlich kaufte mir eine Frau einen grossen Topf, in dem die Suppe, die ich für den Stand koche, warm bleibt», erzählt Svitlana Hontareva. «Viele von uns haben hier Menschen, die wie Mentoren für uns da sind. Sie stehen uns in verschiedenen ungewohnten Situationen mit Rat und Tat zur Seite. Die Unterstützung dieser Menschen vor Ort ist für uns so wichtig. Sie stärkt uns, ebenso der Glauben an Gott», ergänzt Helene Rylska. Doch die aktuelle politische Situation gäbe wenig Hoffnung. «Seit drei Jahren erlebt unser Volk die Schrecken des Krieges. Niemand hat den Terrorismus mitten in Europa gestoppt. Ich habe das Gefühl, dass die Menschheit am Rande eines Dritten Weltkriegs steht», meint Svitlana Hontareva zum Schluss des Gesprächs.