100. Todestag: Wer war Rudolf Steiner?

Am 30. März 1925 starb Rudolf Steiner im Alter von 64 Jahren. Er hinterliess die Anthroposophie, das Goetheanum in Dornach und Tausende Vorträge. Wer war der Mann, der erklärte, ein Hellseher zu sein? Eine historische Annäherung.

Gründer der Anthroposophie: Rudolf Steiner. Foto: ZVG / Goetheanum

Rudolf Steiner auf diesen wenigen Zeilen umfassend beschreiben zu wollen, wäre ein törichtes Unterfangen: Steiners Werk umfasst 31 Bücher, über 6000 Vorträge und unzählige Schriften. Viele Anthroposophen beschäftigen sich zeitlebens damit, Steiner vollkommen zu verstehen, ja zu durchdringen. Das soll an dieser Stelle nicht geschehen.

Was aber möglich scheint, ist eine historische Annäherung an jenen Mann, der Dornach und die Region vor 100 Jahren sowohl gesellschaftlich als auch architektonisch und landschaftlich geprägt hat.

Rudolf Josef Lorenz Steiner wird am 27. Februar 1861 in Kraljevec (Ungarn, heute Kroatien) als Sohn eines Stationsvorstehers der österreichischen Süd-bahn geboren. Mit 18 beginnt er ein Studium mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Es folgen Stationen als Mitarbeiter am Goethe- und Schiller-Archiv, später doktoriert er im Fach Philosophie. Um 1900 arbeitet er beim «Magazin für Literatur» als Herausgeber und Redaktor und hält erste Vorträge in der Freien Literarischen Gesellschaft.

1902 tritt Steiner in die Theosophische Gesellschaft ein. Dieser Schritt sollte sich als wegweisend herausstellen. Einige Jahre ist er dort als aktiver Referent tätig, verfasst Aufsätze und schreibt ein erstes Bühnenwerk. Ab 1911 entwickelt er die Eurythmie.

Nachdem sich Steiner mit den Theosophen überworfen hat, gründet er 1912 seine eigene Bewegung – die Anthroposophie. Diese neue Lehre der «Weisheit vom Menschen» ist eine philosophische Strömung, die durch Spiritualität, okkulte Elemente und Esoterik geprägt ist. Im Zentrum der Anthroposophie stehen das Individuum und dessen Entwicklung. Die Ideen für die neue Lehre kommen Steiner, der sich selbst als «Hellseher» sieht, auch aus Visionen.

Ein herber Rückschlag

Nun folgen Steiners aktivste Jahre. Bereits 1913 beginnt er mit dem Bau des ersten Goetheanums in Dornach. Das Gelände dafür bekommt er geschenkt, nachdem er mit seinen Plänen in München an Baugesetzen gescheitert ist. Im Umkreis entsteht nach und nach eine Kolonie anthroposophischer Häuser; das Ensemble steht heute unter Denkmalschutz und ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung zu finden. Zusammen mit seiner Ehefrau Marie baut Steiner rasch anthroposophische Zweige im In- und Ausland auf. Neben der Planung des Goetheanums erarbeitet er eine neue Pädagogik. Angefragt hat ihn Emil Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Bereits 1919 eröffnet die erste Waldorf-Schule in Stuttgart. Etwa zeitgleich beginnt Steiner mit der Entwicklung der anthroposophischen Medizin; die Ärztin Ita Wegman begleitet ihn dabei bis zu seinem Tod und wird zur wichtigen Vertrauten. In Arlesheim gründet sie eine Klinik und den Sonnenhof, beide bestehen noch heute.

In den folgenden Jahren reist der als charismatisch beschriebene Steiner durch Europa, hält Tausende Vorträge, ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Doch dann folgt ein herber Rückschlag: In der Silvesternacht 1922/23 brennt der Holzbau auf dem Dornacher Hügel, benannt nach Steiners Idol Goethe, komplett ab. Wahrscheinlich ist es Brandstiftung – die neue Bewegung kommt nicht in allen Gesellschaftsteilen gut an. Das Zentrum der Anthroposophie ist ­Geschichte – vorerst.

1924 wird Steiner krank. Trotz körperlicher Einschränkung arbeitet er unermüdlich weiter. Unter anderem am zweiten Goetheanum, das – dieses Mal vollständig aus Beton gefertigt – überdauern soll. Dessen Errichtung erlebt Steiner nicht mehr. Am 30. März 1925 stirbt er in Dornach. Sein zweites Goetheanum wird 1928 eröffnet.

Kritische Betrachtung der Texte

Steiner polarisiert, damals wie heute: Für die einen ist er ein Heilsbringer, andere nennen ihn einen Scharlatan. Fakt ist: Steiners Lehren sind heute in vielen Bereichen des Lebens wiederzufinden. Fast jedes Fachgebiet hat er studiert und in seiner Idee weiterentwickelt. Heute gibt es anthroposophische Landwirtschaft, Schulen, Krankenhäuser, Möbelfabriken, Institutionen ­aller Art, ja auch Banken.

Rund 40 000 Mitglieder verzeichnet die anthroposophische Gesellschaft weltweit. Der Anthroposophie zugehörig fühlen dürften sich weit mehr.

Fakt ist aber auch: Steiners Esoterik und übersinnliche Lehren, der Hang zur Selbstoptimierung – auch bei Krankheit – oder die rassistischen Passagen in seinen Texten müssen aus heutiger Sicht kritisch beleuchtet und kontextualisiert werden.

Auf der Sonderseite 3 zu Steiners Todestag spricht Stefan Hasler, Vorstandsmitglied des Goetheanums, unter anderem über jene Schwierigkeiten. Und er skizziert, was der Gründer der Anthroposophie für ein Mensch war.

Steiner hat in seinen 64 Lebensjahren so viel von sich gegeben, dass auch heute – 100 Jahre nach seinem Tod – noch immer Stenografien seiner Vorträge auf eine Reinschrift und Interpretation warten. Das Rudolf-Steiner-Archiv hat sich zum Ziel gesetzt, das Gesamtwerk Steiners bis Ende dieses Jahres heraus­zugeben. Dann wird es zum ersten Mal vollständig vorliegen.

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